Linie 1

Entlang der Strecke – Folge 9

Publiziert am: 6. November 2025
Eine Illustration zeigt ein älteres Paar. Die Frau telefoniert, der Mann schreibt Notizen nieder.

Einsteigen ohne Umsteigen

Das Telefon klingelt. Natürlich erkenne ich schon am Klingeln, wer dran ist: meine Eltern. Und ich weiß auch schon, wie der erste Satz lauten wird: „Hallo Tochter. Du weißt ja, dass sich deine Mutter wahnsinnig darauf freut, mit der Linie 1 direkt in die Innenstadt fahren zu können. Damit sie nicht ungeduldig wird, fahren wir bis dahin den Streckenverlauf mit dem Rad ab.” Meine Mutter ruft aus dem Hintergrund: „Heute sind wir auch wieder ein Stück gefahren.“ Mein Vater seufzt: „…aber so richtig weit sind wir nicht gekommen. Du kennst ja deine Mutter: Sie trifft immer jemanden, mit dem sie reden kann. Diesmal …

… haben wir es immerhin bis auf die Brücke, Höhe Scheveninger Straße geschafft. Gegenüber kommt ja die Linie 1 aus dem Neuen Damm und biegt dann auf die Heinrich-Plett-Allee ein.“ Kurzes Räuspern. „Dir muss ich das ja nicht erklären. Na, jedenfalls machen wir oben kurz Halt und schauen, wie weit die mit dem Verlegen der Schienen sind. Oder den Gleisen? Egal, den Unterschied schaue ich später im Glossar auf der Website nach. Ich wollte ja was ganz anderes sagen. Wir stehen also oben, schauen runter. Da kommt ein Mann mit Gehhilfe, bleibt neben uns stehen und schaut auch nach unten. Schließlich seufzt er. „Ich gebe dir mal deine Mutter. Die ist schon ganz unruhig, weil sie die Geschichte lieber erzählen will.“ „Hallo Tochter, ich hoffe, du hast noch Zeit nach den etwas umständlichen Einlassungen deines Vaters.“ Ich habe selbstverständlich Zeit genug und sie fährt fort. „Der Mann hat berichtet, dass er vor Kurzem Witwer geworden ist. Sein Sohn mit Familie wohnen in Leeste und hätte gerne, dass er zu ihnen zieht. Aber er weiß nicht so recht, hat er gemeint. Denn einerseits würde er gerne bei seiner Familie leben. Andererseits trifft er sich seit 50 Jahren einmal in der Woche mit alten Freunden zum Doppelkopf in der Stadt. Und das möchte er auf keinen Fall aufgeben. Der Umstieg am Roland-Center aber fällt ihm jetzt schon schwer – und bis die Linie 8 fährt, ist es mit seiner Beweglichkeit sicher nicht besser.“ Aus dem Hintergrund höre ich meinen Vater: „Das war das richtige Stichwort für deine Mutter!“ Ohne den Zwischenruf zu kommentieren, verkündet sie: „Ich habe ihn ganz trocken darauf hingewiesen, dass er ja künftig am Roland-Center gar nicht mehr wird umsteigen müssen. Da hat er mich erstaunt angeschaut und meinte, dass er das anders gehört hätte. Ich habe ihm versichert, dass er am Roland-Center garantiert NICHT umsteigen muss. Er hat sich mit einem fröhlichen ‚Danke! Ich rufe gleich meinen Sohn an!‘ verabschiedet und ist ganz beschwingt weitergegangen. Das war meine gute Tat für heute. Ich koche mir jetzt einen Tee.

„Wir rufen wieder an. Mach’s gut.“