
Überführungsbauwerk über B6 –
Die hohe Kunst der Überquerung
Für die Bahnen der Linie 8 wird die Gleisanlage der Bremen-Thedinghauser-Eisenbahn reaktiviert. Sie folgen damit also bestehenden Wegen und nutzen ein Gleisbett, das schon lange liegt. Hinter dem Bahnhof Erichshof allerding ist erst mal Schluss mit der Fahrt im Bestandsbett. Denn hier trifft Schienenverkehr auf individuelles Fahren auf Asphalt. Die bestehende Strecke nämlich führt die Bahnen direkt über die Bundesstraße 6. Wollte die Museumsbahn »Pingelheini« oder ein Güterzug kreuzen, wurden zur Sicherheit aller Verkehrsteilnehmer:innen die Schranken eines Bahnüberganges geschlossen – und der Individualverkehr stand für einen Moment still. Da nur eher selten Bahnwaggons über die Pkw-Spuren hinüberrollten, ließ sich das verschmerzen. Mit der Streckenverlängerung der Linie 8 ist das aber vorbei. Denn aufgrund der dichten Taktung der Bahnen zwischen Weyhe-Leeste in den Bremer Stadtteil Schwachhausen und zurück käme der Verkehrsfluss alsbald ins Stocken.
Wenn Kreuzungsverkehre auf ein und derselben Ebene nicht funktionieren, dann müssen die Verkehrsmittel eben auf zwei Ebenen verteilt werden. Zwei technische Varianten sind möglich: über die Straße hinweg oder unten ihr hindurch, Trog- oder Überführungsbauwerk also, Tunnel oder Brücke. Die Entscheidung für die Linie 8: Hinter dem Bahnhof Erichshof geht es zukünftig bergan.

Zahlen, Daten, Bauplankunde
Damit der individuelle Verkehr auf der B6, inklusive großer LKWs, ohne Schwierigkeiten unter der Brücke hindurchgeführt werden kann, darf die kleinste lichte Höhe nicht weniger als 4,70 m betragen. Um das zu erreichen, sind Stützwände von 5,80 m Höhe, 94 m Länge und einer herausragenden Ansichtsfläche von etwa 490 qm notwendig. Knapp 5 m über dem Asphalt? Da muss man erstmal hoch! Mit 500 m (inklusive Rampen) wird die entstehende Brücke über die B6 die größte und längste im Zuge des Streckenausbaus. Der Steigungswinkel auf der aus Bremen kommenden Rampe startet mit 0,21 % (2,130 ‰,) erreicht dann 3.9 % (39 ‰), führt – immer noch steigend – die Gleise über den Kalberkamp hinweg und steigt weiter. Insgesamt beträgt die Länge der Rampe 138,78 m. Oben angekommen, rollt die Linie 8 knapp 100 m ganz ohne Steigung, fährt dann über das Brückenbauwerk mit einer Stützweite von 18,25 m über die B6 hinweg und fällt im Anschluss in Richtung Weyhe-Leeste auf 244 m mit einem Steigungswinkel von 2,5 % (25 ‰) und knapp 166 m mit einem Winkeln von 0,18 % (1,807 ‰) wieder auf das Ausgangsniveau zurück.
Um auch den Kalberkamp zu queren, gibt es eine zweite Überführung mit einer Stützweite von 6,16 m – was einer tatsächlich sichtbaren Breite (Lichte Weite) von 5,40 m entspricht – sowie einer kleinen Lichten Höhe von 2,50 m. Ein dritter Durchlass entsteht für den Geh- und Radweg am Brinkumer Moor – Stützweite: 3,58 m, Lichte Weite: 3,07 m, kleine Lichte Höhe: 2,80 m.
Zwei Betriebsordnungen (Eisenbahn-Bau- und Betriebsordnung »EBO« und Straßenbahn-Bau- und Betriebsordnung »BOStrab«), andere Regeln, neue Technik: Wer als Straßenbahnfahrer:in die Bahnen der Linie 8 fahren möchte, muss dafür eine Zusatzqualifikation vorweisen können, damit das Befahren der Eisenbahnstrecke erlaubt ist.

Vibrieren und statt rammen und bauen im Schatten
Während die Rampen links und rechts aufgeschüttet werden, »vibriert« man die Stahlspundwände zu zweidritteln in den Baugrund – was den Vorgang nicht nur einfacher, sondern auch akustisch erträglicher macht.
Das Überführungsbauwerk zum Queren der B6 wird währenddessen abseits des zukünftigen »Einsatzortes« hergestellt – im »Schatten«, wie es so schön heißt. Für die Baustellenorganisation bedeutet das: Der Verkehr fließt während der Bauphase ohne Störung weiter, während die Brücke selbst nebenan gebaut und nach ihrer Fertigstellung einfach mit dem Autokran in die Querungslücke hineingehoben oder (wenn zu schwer zum Heben) -geschoben wird. Ob Heben oder Schieben, das Ganze wird in der Nacht oder an einem Wochenende erledigt, wenn keine Schwerlastverkehre unterwegs sind. Zur Sicherheit wird die B6 für die Platzierung und Fertigstellung der Brücke aber gesperrt– zu groß ist die Gefahr, dass beim Einpassen des Brückenteiles etwas passiert. Sitzt alles an der richtigen Stelle, werden die Verbindungsstellen noch geglättet, fertig. 500 m, drei Höhen, drei Steigungswinkel – Baukunst vom Feinsten.